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Wenn Wasser mehr ist als ein Wort: Wasserwirtschaft in der zweiten Generation

Wasserwirtschaft

„Es gibt über 2.000 verschiede Stoffe, die im Abwasser zu finden sind und die wir da auch alle wieder rausholen müssen.“

Jüngste Meldung aus dem Raum Magdeburg, die auch überregional Schlagzeilen gemacht hat: Eine Abwasseranalyse zeigte, dass Magdeburg den höchsten Kokain-, Speed und MDMA-Konsum in Mitteldeutschland aufweist. Ebenfalls auf der Grundlage solcher Abwasseranalysen und der Untersuchung der darin enthaltenen Virenkonzentration entwickeln Wissenschaftler:innen aktuell ein Frühwarnsystem für das Coronavirus. Das sind nur zwei von vielen Beispielen, die uns zeigen, welche Erkenntnisse aus unserem Abwasser gewonnen werden können.

„Es gibt über 2.000 verschiede Stoffe, die im Abwasser zu finden sind und die wir da auch alle wieder rausholen müssen“, sagt Achim Grossmann. Zahlen wie diese haben er und sein Sohn Marcel Grossmann noch viel mehr auf Lager. Denn auf dem Gebiet Wasser – und was noch so dazugehört – sind die beiden Profis. Der Grund: Vater und Sohn haben beide an der Hochschule Magdeburg-Stendal Wasserwirtschaft studiert.

Während Marcel Grossmann vor einem Jahr seinen Master abgeschlossen hat, ist es bei seinem Vater 38 Jahre her. Als Achim Grossmann Wasserwirtschaft studierte, gab es die Hochschule in der heutigen Form noch nicht. Damals hieß sie noch Fachhochschule Magdeburg und das Hauptgebäude für den Studiengang Wasserwirtschaft befand sich nicht auf dem grünen Campus im Herrenkrug, sondern im heutigen Landtag.

Obwohl sein Studium schon einige Zeit zurückliegt, erinnert sich Achim Grossmann noch gut an diese Zeit – sowohl an die Lehrveranstaltungen als auch an das Studentendasein. Ein Vorzeigestudent sei er aber nie gewesen, gibt er lachend preis. Denn als Leistungssportler im Basketball seien seine Fehlzeiten viel zu hoch gewesen. Interesse an der Materie habe er trotzdem immer gehabt. Der „Labor-Typ“ war er nie, angetan hatten es ihm vor allem Lehrveranstaltungen zur Vermessungstechnik, Wasserversorgung und zum Abwasser. Und das ganz offensichtlich bis heute. Denn seit über 15 Jahren ist er Geschäftsführer eines regionalen Abwasserverbandes.

Das Interesse an einem Studium wurde bei Achim Grossmann durch Zufall geweckt. Denn zunächst hatte er eine Ausbildung als Zerspanungsfacharbeiter abgeschlossen und in diesem Beruf auch mehrere Jahre gearbeitet. Doch wie das Leben manchmal so spielt, kommt es anders als man denkt. Von einem Kumpel erfuhr er von der Möglichkeit eines Studiums in seinem Betrieb. Gesagt getan, kurze Zeit später war der 20-Jährige Student der Wasserwirtschaft.

Marcel Grossmann war wiederum schon in der Schule klar, dass er studieren würde. Aber dass er mal den Fußstapfen seines Vaters folgen würde, hätte er lange selbst nicht gedacht. Sein Interesse galt zunächst der Ingenieurtechnik und dem Maschinenbau. Doch je älter er wurde, desto spannender fand er Themen wie Klima-, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Wasserwirtschaft rückte daher immer stärker in den Fokus seiner Aufmerksamkeit. Dabei sind es vor allem die Inhalte der Lehrveranstaltungen der höheren Semester gewesen, wie Mikrobiologie, Abwassertechnik und Kreislaufwirtschaft, auf die er besonderes Augenmerk legte. Heute, ein Jahr nach seinem Masterabschluss, arbeitet er in diesem Bereich. Genauer gesagt als Ingenieur bei einem regionalen Trink- und Abwasserverband.

Man könnte meinen, dass sich am Mittagstisch der Grossmanns alles um das Thema Wasser dreht; dem widersprechen die beiden aber lachend. Doch der regelmäßige Austausch zwischen Vater und Sohn zu fachlichen Themen findet natürlich statt. Achim Grossmann verfolgte Weiterentwicklungen und neue Forschungsergebnisse, die sein Sohn durchs Studium kennenlernte, mit großem Interesse: „Als ich studiert habe, hat der Umweltaspekt noch nicht so eine bedeutende Rolle gespielt wie heute.“ Hydrobiologie sei zum Beispiel so ein Fach, dass es zu seiner Studienzeit noch nicht gab und worüber die beiden sich gern austauschten.

Im Gegenzug konnte Marcel Grossmann auch hin und wieder auf die Hilfe seines Vaters zurückgreifen, z.B. in Hydromechanik. Damals wie heute ist Achim Grossmann begeistert von der Vielfältigkeit der Wasserwirtschaft und würde es definitiv wieder studieren. „Ich glaube, in dem Studiengang kann jeder etwas Tolles finden, was einen sowohl in der beruflichen Ausbildung als auch persönlich befriedigen kann.“ Die Bandbreite der Themen und somit auch Berufsfelder sei groß, sogar steigend mit Blick auf Bereiche wie Mikroplastik. Marcel Grossmann ergänzt: „Wasser ist sowohl Grundnahrungsmittel als auch Menschenrecht. Auch in Deutschland sollte Wasser nicht als selbstverständlich angesehen werden. Auch hier gab es schon Wasserknappheit. Der Wert des Wassers wird zukünftig immer populärer und auch politischer, wenn man an Diskussionen rund um Nitrate im Grundwasser denkt.“

„Da kommt in den nächsten Jahrzehnten richtig viel Arbeit auf uns zu“, halten Achim und Marcel Grossmann unmissverständlich und voller Tatendrang fest. Recht haben sie, denn Diskussionen rund um Mikroplastik, Grundwasserbelastungen und Wasserknappheit, um nur einige Beispiele zu nennen, sind uns allen bekannt. Achim Grossmann führt weiter leidenschaftlich aus: „Jeder, der sich für den Studiengang Wasserwirtschaft entscheidet, kann, wenn er oder sie möchte, an solchen Prozessen und Entwicklungen mitwirken. Und somit dazu beitragen, Gewässer sauberer zu machen oder global gedacht für einen weltweiten Zugang zu Wasser zu sorgen. Ich finde, einen besseren Beruf gibt es nicht. Wir können von uns sagen: Wir arbeiten jeden Tag im Umweltschutz. Wir demonstrieren nicht nur, wir machen was“.

Als überzeugte Wasserwirtschaftler trinken die beiden selbstverständlich auch nur Leitungswasser. An diesem Wasser gebe es nichts auszusetzen. Im Gegenteil, es sei sauber und werde täglich überprüft, was man von gekauftem Wasser nicht behaupten könne. Über den Kauf und das Schleppen ganzer Wasserkästen, geschweige denn das Trinken von Wasser aus Plastikflaschen, können die beiden daher nur schmunzeln. In der Region rund um Magdeburg handle es sich eher um hartes als weiches Wasser. „Wem was besser schmeckt, ist schon beinahe eine Philosophie“, lacht Achim Grossmann.

Wer übrigens wissen möchte, ob das Wasser in den eigenen vier Wänden weich oder hart ist, sollte sich mit einem Stück Seife die Hände waschen. Entsteht dabei viel Schaum und dauert es einen Moment länger, bis das glitschige Gefühl der Seife auf den Händen verschwindet, handelt es sich mit aller Wahrscheinlichkeit nach um weiches Wasser. Bei hartem Wasser kommt es zu weniger Schaumbildung und die Seife geht schnell und problemlos von den Händen. Life Hacks wie diese haben Achim und Marcel Grossmann jede Menge auf Lager. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwann auch eine dritte Generation Wasserwirtschaft in der Familie Grossmann, die kleine Alltaghelfer wie diese an die Allgemeinheit weitergeben können. Sollte das der Fall sein, kommen wir für ein erneutes Gespräch gern wieder!

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